Introvertiert, extrovertiert, otrovertiert – ambivertiert? All diese Begriffe beschreiben verschiedene Zustände auf einer Art Skala der Persönlichkeitsypen. Bei dieser Skala geht es allerdings nicht, wie viele glauben, einfach darum, ob man sich gerne unter Menschen aufhält oder eher zurückgezogen und ruhig ist.
Stattdessen beschreiben Introversion und Extroversion vor allem, wie man Energie gewinnt, von außen oder von innen. Es gibt zwar Menschen, die sich klar einer Seite zuordnen können, es handelt sich allerdings explizit nicht um „Entweder-oder“-Kategorien.
Darüber hinaus gibt es noch viel mehr Persönlichkeitstypen auf dieser Skala. Einer davon ist der sogenannte ambivertierte Typ. Dieser wird auf Skala zwischen Introvertierten und Extrovertierten eingeordnet.
Was genau ist der ambivertierte Persönlichkeitstyp?
Das Konzept der Ambiversion geht auf den Psychiater Carl Gustav Jung zurück, der Anfang des 20. Jahrhunderts auch Intro- und Extraversion definierte. Schon damals merkte er an, dass es auch eine dritte Gruppe in der Mitte geben muss. Diese bildet dem Psychiater zufolge sogar die Mehrheit; Personen dieser Gruppe weisen Charakteristiken des Intro- und des Extrovertierten auf. Dass jemand extrem zu einem Pol tendiere, sei vergleichsweise selten.
Es gibt auch moderne Studien dazu. So untersuchte beispielsweise der Organisationspsychologe Adam Grant im Jahr 2013 den Zusammenhang zwischen Extraversion und Verkaufserfolg. Dabei befasste er sich auch mit den verschiedenen Persönlichkeitstypen. Die Studie ergab, dass nicht unbedingt extrovertierte Personen am besten verkaufen können – sondern ambivertierte.
Belegt wurde das im Rahmen der Studie unter anderem durch den Vergleich von Umsätzen. Die höchsten Umsätze erzielten dabei Ambivertierte, durchschnittlich 24 Prozent mehr als Extravertierte. Grant bezeichnete diesen Effekt als den Ambivertierten-Vorteil („Ambivert Advantage“). Möglich wird das dank einer guten Mischung aus Empathie, Geduld und Durchsetzungsfähigkeit.
Was zeichnet eine ambivertierte Person aus?
Während Introvertierte grob gesagt ihre Energie aus sich selbst heraus gewinnen, ist das bei Extrovertierten über ihr Umfeld der Fall. Der ambivertierte Persönlichkeitstyp liegt der Theorie zufolge genau in der Mitte des Spektrums zwischen Introversion (nach innen gekehrt) und Extraversion (nach außen gerichtet).
Das bedeutet, dass ambivertierte Menschen Eigenschaften beider Extreme in sich vereinen. Das ermöglicht es ihnen, ihr Verhalten flexibel an die jeweilige Situation, die Umgebung und ihr Gegenüber anzupassen. Im Detail ergeben sich daraus folgende Merkmale:
- Soziale Flexibilität
- Situative Energie
- Balance aus Zuhören und Sprechen
- Intuition für Stimmungen

Kritik am Modell des Persönlichkeitstyps
In der modernen Persönlichkeitspsychologie, insbesondere im etablierten Standard-Modell der Big Five, gibt es immer wieder auch Kritik an der Bezeichnung „ambivertiert“ in Bezug auf einen eigenen Persönlichkeitstyp geäußert. Expertinnen und Experten betonten bereits mehrfach, dass die Extraversion – eine der fünf Kategorien des Big-Five-Modells – ein Spektrum sei, das in der Bevölkerung normalverteilt ist.
Das bedeutet: Die absoluten Extreme, also sehr introvertiert oder sehr extravertiert, kommen von Natur aus seltener vor. Mit schätzungsweise fast 70 Prozent befindet sich eine Mehrheit im mittleren Bereich der Kurve, was in der Argumentation dazu führt, dass „Ambiversion“ kein besonderes Persönlichkeitsmerkmal ist, sondern einfach den statistischen Normalfall beschreibt. Dadurch verliert Ambiversion als Persönlichkeitsmerkmal den diagnostischen Wert.
Darüber hinaus besteht bei diesem Persönlichkeitstyp auch oft eine Tendenz zum sogenannten Barnum-Effekt. Das bedeutet, dass Aussagen über ambivertierte Personen oft so allgemein formuliert sind, dass sich eine Mehrheit darin wiedererkennen kann.
Woran merkt man, ob man ambivertiert ist?
Folgende Aussagen sind typische Indikatoren für Ambiversion:
- Freunde würden die Person sehr unterschiedlich beschreiben – einige halten sie für ruhig, andere für sehr gesellig.
- Die Person fühlt sich sowohl in der Rolle des Anführers als auch im Hintergrund wohl.
- Zu viel Zeit allein macht die Person unruhig und mitunter sogar lethargisch, aber zu viel Zeit unter Menschen erschöpft sie irgendwann.
- Die Personen haben in Diskussionen oft das Gefühl, beide Extreme – sowohl das laute Sprechen als auch das stille Beobachten – gut verstehen zu können.
- „Small Talk“ fällt einer Person nicht schwer, aber sie empfindet ihn als anstrengend, wenn er nicht in tiefgründigere Gespräche übergeht.

