Zwischen halbgaren Selbsttests auf Social Media und wissenschaftlicher Forschung liegt jede Menge Raum, wenn man auf das Thema ADHS schaut. Häufig wird eine öffentlich gemachte Diagnose als „Modeerscheinung“ abgetan, dabei steckt dahinter oft eine echte Entwicklungsstörung.
Tatsächlich nehmen die Diagnosezahlen seit einigen Jahren sichtbar zu. Auch bei Erwachsenen wird immer häufiger ADHS diagnostiziert, weil das teilweise zu für Betroffene unschönen Reaktionen führt, die die Diagnose infrage stellen. Der Vorwurf lautet oft, dass es sich um einen „Trend“ handeln würde. Die Gegenseite argumentiert hingegen, dass es sich um eine lange ignorierte Unterdiagnose handelt.
ADS, ADHS und ihre Hauptmerkmale
ADS steht für Aufmerksamkeitsdefizitstörung; besonders bekannt ist die Unterform ADHS, wobei das „H“ in diesem Fall „Hyperaktivität“ bedeutet. Medizinisch wird heute offiziell vieles unter dem Begriff ADHS zusammengefasst. Im Prinzip handelt es sich aber in beiden Fällen um verschiedene Ausprägungen derselben neurobiologischen Entwicklungsstörung. Die Hauptsymptome sind:
- Unaufmerksamkeit / verkürzte Konzentrationsfähigkeit
- Impulsivität (vor allem bei Stress)
- leichte Ablenkbarkeit
- motorische Unruhe
- Mühe mit automatisierten Abläufen
- Vergesslichkeit
- ausgeprägte Phantasie
Bei ADHS kommt dann noch die Hyperaktivität hinzu, die sich durch einen exzessiven Bewegungsdrang oder auch eine stark ausgeprägte innere Unruhe äußert, wobei das bei Kindern und Erwachsenen teilweise sehr unterschiedlich sein kann. Grund für diese Merkmale ist eine fehlerhafte Signalverarbeitung im Gehirn, wobei vor allem die neuronalen Netzwerke zur Reizfilterung, Handlungssteuerung und auch zur Belohnungsverarbeitung betroffen sind.
Die Entwicklungsstörung beruht meist auf einem Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung und mehreren Umweltfaktoren. So spielen etwa eventueller Alkohol- und Nikotinkonsum der Mutter während der Schwangerschaft eine Rolle, wie unter anderem eine Studie der Universität Turku im Jahr 2019 festgestellt hat. Aber auch ein Sauerstoffmangel während der Geburt und diverse frühkindliche Belastungen können entsprechende Auswirkungen haben.

Mädchen und Frauen werden oft falsch diagnostiziert
Dass ADHS in den Köpfen der meisten präsenter ist als ADS, liegt daran, dass die Hyperaktivität eines der auffälligsten Merkmale ist. Personen ohne dieses Anzeichen fallen schneller durchs Raster, da sich die Entwicklungsstörung bei ihnen eher dadurch zeigt, dass sie unorganisierter und chaotischer sind als andere und Probleme haben, Dinge zu Ende zu bringen.
Allzu oft wird das jedoch als normale Charaktereigenschaft abgetan, zumal sowohl viele Betroffene als auch ihr Umfeld mit der Zeit lernen, sich mit den Auswirkungen zu arrangieren. Das Bundesgesundheitsministerium geht insgesamt davon aus, dass zwischen zwei und sechs Prozent aller Kinder und Jugendlichen ADS oder ADHS haben.
Bei Erwachsenen sind es laut Schätzungen auch immer noch zwei bis drei Prozent. Dabei sind Mädchen und Frauen scheinbar seltener betroffen. Expertinnen und Experten vermuten allerdings eher, dass die Entwicklungsstörung in diesen Fällen nur noch häufiger übersehen wird, da sich die Merkmale ein wenig anders äußern und Mädchen und Frauen diese zudem besser maskieren können.
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Überdiagnostizierung ja, aber dennoch ernst zu nehmen
Man kann also in jedem Fall festhalten, dass sich Expertinnen und Experten einig sind, dass ADHS eine ernstzunehmende Diagnose ist, die man keinesfalls abtun sollte. Die wachsende Sichtbarkeit, vor allem durch Social Media, bewerten viele deshalb positiv. Allerdings gibt es tatsächlich auch Hinweise darauf, dass es wirklich zu einer Überdiagnostizierung kommt, vor allem durch vermeintliche seriöse Online-Selbsttests.
Das führt nicht nur zu den eingangs beschriebenen rollenden Augen. Es besteht auch die reale Gefahr, dass zum einen echte Betroffene nicht ernst genommen werden und dass andererseits andere Auslöser für Symptome wie Unkonzentriertheit nicht behandelt werden. Denn wie vielfach betont wird, begünstigen Dinge wie das Smartphone und Social Media ADHS-ähnliche Symptome.

ADHS sollte nur von Experten diagnostiziert werden
Wer sich nun im Erwachsenenalter fragt, ob vielleicht ADS oder ADHS der Grund für dauerhafte Unaufmerksamkeit und Konzentrationsstörungen ist, sollte zunächst beobachten, in welchen Situationen die Merkmale auftreten. Zudem sollte man ernsthaft hinterfragen, ob es sich um ein kurzzeitiges Auftreten handelt, das vor allem in Kombination mit Ablenkungsfaktoren wie dem Smartphone auftritt oder ob entsprechende Probleme unabhängig davon und über einen längeren Zeitraum bestehen.
Ist das der Fall, sollte man sich keinesfalls auf Online-Selbsttests verlassen, sondern eine Expertin oder einen Experten aufsuchen. Richtige AD(H)S-Diagnostik umfasst nämlich noch deutlich mehr Elemente als einige Fragen zur Selbsteinschätzung:
- das Ausschließen physischer oder psychischer Ursachen
- sorgfältige Erhebung der Vorgeschichte
- körperliche und auch neurologische Untersuchung
- Überprüfung aller Wahrnehmungsbereiche
- Leistungsdiagnostik mit Entwicklungs- und Intelligenztests
- Einschätzung des direkten Umfeldes
Für eine handfeste Diagnose von ADS oder ADHS gibt es tatsächlich strenge Leitfäden, die unter anderem beinhalten, dass die Merkmale bereits seit mindestens sechs Monaten bestehen und in mehreren Lebensbereichen auftreten müssen. Je nach Ausprägung wird anschließend entschieden, ob eine Behandlung nötig ist und wenn ja, in welcher Form.

