Künstliche Intelligenz (KI) hat die Arbeitswelt in jüngster Vergangenheit bereits deutlich auf den Kopf gestellt. Dabei ist bei vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern die Sorge groß, dass der eigene Job früher oder später durch die Technologie bedroht werden könnte. Die Meinungen dazu, welche Sektoren besonders hart getroffen werden könnten, gehen zwar mitunter auseinander. Einig sind sich allerdings die meisten, dass viele repetitive Aufgaben oder Jobs, die mit Daten- und Wissensverarbeitung zu tun haben, bedroht sein könnten.
Über eine Gruppe wurde dabei allerdings bisher wenig gesprochen: die Chefetage. Jetzt warnt allerdings KI-Pionier Stuart Russell, dass auch CEOs theoretisch von der Technologie ersetzt werden könnten und geht auf das Paradox ein, dass sich CEOs im KI-Bereich quasi selbst abschaffen, wenn sie den Wandel vorantreiben. Russell ist Professor für Computer Science an der UC Berkeley und gilt als führender Kopf in der Forschung zu Künstlicher Intelligenz. Besonders bekannt ist in diesem Zusammenhang das inzwischen zum Standardwerk gewordene Lehrbuch „Artificial Intelligence: A Modern Approach“, bei dem er Co-Autor war. In diesem Zusammenhang warnt der Vordenker vor einer historischen Krise, die eben auch an der Führungsebene von Unternehmen nicht vorbeigehen dürfte.
Dabei appelliert er im Podcast „The Diary of a CEO“ bei Host Steven Bartlett auch an diese Ebene sowie die politischen Entscheidungsträger, die „plötzlich einer Arbeitslosigkeit von 80 Prozent ins Auge blicken“ könnten. Die Folgen dieser Welt, in der plötzlich viele nicht mehr arbeiten würden, wären dem Experten zufolge nicht unbedingt das Utopia, das etwa Elon Musk in Aussicht stellt.

Experte warnt vor sozialen Verschiebungen durch KI, die ungeahnte Folgen haben können
Stattdessen würden massive gesellschaftliche Verwerfungen drohen, für die es noch kein wissenschaftliches Modell geben würde. KI-Systeme könnten theoretisch „so ziemlich alles, was wir derzeit als Arbeit bezeichnen“, erledigen, mahnt Russell. Und das würde auch für Bereiche gelten, die sich bisher als ziemlich sicher wähnten, vor allem in Kombination mit weiteren Fortschritten in der Robotik.
Die kommende Automatisierungswelle könnte dem Experten zufolge viele vermeintlich sichere Sektoren mitreißen. Als Beispiel dafür nennt er beispielsweise auch die Medizin, besonders die Chirurgie. Angesichts der Herausforderungen, die sich dadurch ergeben würden, zeigt sich der Experte sowohl von den KI-Unternehmen, die den Wandel vorantreiben, als auch von der Politik enttäuscht und mahnt, dass man jetzt weitsichtig agieren und auch die Bildungssysteme entsprechend anpassen müsse. Und er stellt die ganz grundlegende Frage: „Wenn das die Zukunft ist, warum bilden wir dann Menschen für Bürojobs aus, die es in Zukunft gar nicht mehr geben wird?“
Russell ist nicht der einzige mit entsprechenden Bedenken. So unterzeichnete der Berkeley-Professor im Oktober zusammen mit 850 weiteren Expertinnen und Experten eine Erklärung, die ein Verbot für eine sogenannte KI-Superintelligenz fordert. Weitere prominente Namen auf dieser Erklärung sind etwa Richard Branson oder auch Nobelpreisträger Geoffrey Hinton, der vor einer düsteren Zukunft durch Künstliche Intelligenz warnt.
