Der 12. Mai 1997 hat die Bundesrepublik geprägt, denn an diesem Tag kamen die Tamagotchis nach Deutschland. Schaut man auf den enormen Hype, den die kleinen Plastikeier ausgelöst haben, dann kann man diesen Tag durchaus als historisch bezeichnen. Dieser Hype ging auch weit über Deutschland hinaus – Tamagotchis waren weltweit ein absolutes Phänomen.
In Japan, dem – wie könnte es auch in den 90ern anders sein – Geburtsland des technischen Spielzeugs, kam das kleine Gerät bereits am 23. November 1996 auf den Markt. Erfunden wurde es von der Bandai-Mitarbeiterin Aki Maita, die es damals im Übrigen an Schülerinnen im Tokioter Trendviertel Shibuya testete. Das Feedback der Mädchen hat sogar noch einmal zu einer Anpassung des Designs und einiger Funktionen geführt, ganz offensichtlich mit Erfolg.
Kleines Gehäuse, große Wirkung
Der Aufbau der Tamagotchis ist simpel: ein kleines, monochromes LC-Display, drei Knöpfe zur Steuerung und ein Piezo-Lautsprecher. Das Originalmodell kam damals mit einem speziellen 8-Bit-Chip von Bandai, einem winzigen ROM-Speicher, der bis zu 4 KB fassen konnte, und einem ebenso winzigen Arbeitsspeicher. Die kleinen Geräte wogen nicht mehr als 30 Gramm und passten in jede Hosentasche. Das war ein wesentlicher Erfolgsfaktor.
Mehr brauchte es auch nicht, um die kükenähnlichen kleinen Wesen ausreichend abzubilden, um die sich jahrelang Millionen Kinder und Jugendliche – und zwangsweise auch ihre Eltern und andere Verwandte – kümmerten. Übrigens handelt es sich bei den Figuren nicht um Küken, sondern um Außerirdische.
Der von Bandai (heute durch Fusion Bandai Namco) dazu erdachten Geschichte zufolge stammen die winzigen Aliens vom Planeten Tama, die auf die Erde geflohen sind. Genau wie Menschen haben auch Tamagotchis wesentliche Bedürfnisse. Dazu gehören ausreichend Nahrung, Hygiene und soziale Interaktion. Dieses Konzept wurde anschließend in diversen Lebenssimulationen wie etwa „Die Sims“ vielfach aufgegriffen.

Tamagotchis funktionieren auf mehreren psychologischen Ebenen
Das Tamagotchi war damit eines der allerersten Spielzeuge, das nicht nur passiv zur Verfügung stand. Es forderte stattdessen aktiv „Pflege“ und Aufmerksamkeit ein. Psychologinnen und Psychologen haben anschließend bei einer Untersuchung des eingetretenen Fürsorge-Gefühls für ein technisches Gerät den Begriff „Tamagotchi-Effekt“ geprägt. Dieser bezeichnet eine emotionale Bindung zu einem eigentlich leblosen Objekt.
Zumindest die ersten Versionen des Tamagotchis verfügten zudem nicht über eine Pause-Taste. Wer sich nicht um sein virtuelles Haustier kümmerte, musste früher oder später damit rechnen, dass es stirbt. Das führte zu extrem hohen und konstanten Nutzungsraten, weshalb irgendwann an vielen Schulen auf der ganzen Welt ein Tamagotchi-Verbot eingeführt wurde.
Gleichzeitig erzeugten die hohen Nutzungszahlen und später dann auch neue Features wie das gemeinsame Eierlegen, wenn sich zwei Tamagotchis begegneten, einen regelrechten Gruppenzwang. Zudem wurden die kleinen digitalen Aliens stellenweise zum Haustierersatz, bei dem eben keine echte Verantwortung bestand.
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Cleveres Marketing und ein Comeback
Bandai führte zudem kurz nach dem Marktstart und nachdem sich das enorme Potenzial der Geräte gezeigt hatte, eine künstliche Verknappung herbei, um die Nachfrage weiter anzukurbeln. Eine bewährte Marketing-Strategie, die immer wieder zum Einsatz kommt.
Nach der anfänglichen Begeisterung ebbte die Welle irgendwann ein wenig ab. Allerdings feierte das Tamagotchi 2004 ein Comeback. Das gelang vor allem aufgrund einer technischen Aufrüstung. Die neuen Geräte kamen nämlich mit einer Infrarot-Schnittstelle.
Diese ermöglichte die Interaktion zwischen den kleinen Aliens, damit diese gemeinsam spielen und, wie bereits erwähnt, Eier produzieren konnten. Das befeuerte weltweit einen zweiten Hype, der den Kultstatus der Geräte bis heute zementiert. Tatsächlich sind Tamagotchis bis heute nie ganz verschwunden. Es folgten Modelle mit Farbbildschirm und Kamera und WLAN. Das aktuellste Modell heißt Tamagotchi Paradise und kam 2025 auf den Markt.

Tamagotchi-Friedhöfe lagen zeitweise im Trend
Um das Tamagotchi und seine verschiedenen Entwicklungsstufen haben sich einige unterhaltsame und mitunter skurrile Trends entwickelt. So gibt es einige richtige Friedhöfe für die Mini-Geräte beziehungsweise ihre virtuellen Bewohner. Viele Kinder zeigten sich angesichts des Todes ihrer digitalen Haustiere so traurig, dass diese symbolisch beerdigt wurden. Einer der bekanntesten Tamagotchi-Friedhöfe befindet sich in Cornwall.
Erfinderin Aki Maita und ihr Kollege Akihiro Yokoi bekamen zudem 1997 den sogenannten Ig-Nobelpreis für Wirtschaft. Dabei handelt es sich um einen satirischen „Anti-Nobelpreis“, der wissenschaftliche Leistungen ehren soll, die „Menschen zuerst zum Lachen, dann zum Nachdenken bringen“.
Heute nehmen vor allem ältere Tamagotchis einen absoluten Kultstatus ein. Gut erhaltene seltene Modelle wie etwa die weiße Sonderedition mit Bandai-Logo erzielen bei Sammlerinnen und Sammlern mehrere tausend Euro. Das liegt weit über ihrem ursprünglichen Preis von etwa 18 Dollar beziehungsweise 30 D-Mark (ca. 15 Euro ohne Inflation).

