Narzissmus ist nicht automatisch mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS)gleichzusetzen, auch wenn die Begriffe mitunter fälschlicherweise oder der Einfachheit halber synonym verwendet werden. Das eine ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das andere eine krankhafte Störung. Von Letzterer spricht man, wenn die typischen Merkmale einer narzisstischen Person pathologisch ausgeprägt sind.
Personen mit einer solchen Persönlichkeitsstörung sind in hohem Maße manipulativ und selbstbezogen, können sich nicht in andere hineinversetzen und haben ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Oft geht das mit dem Glauben einher, besonders großartig und einzigartig zu sein, woraus sich eine extreme Anspruchshaltung ergibt.
Allerdings ist nicht jede Person mit Narzissmus oder einer NPS mit einer anderen zu vergleichen. Man unterscheidet zwischen verschiedenen Typen, wie die britische Traumatherapeutin und Coachin Caroline Strawson in der „Daily Mail“ erklärt.
Die 10 Narzissmus-Typen nach Strawson
Dabei argumentiert sie, dass nicht jede Narzisstin oder jeder Narzisst offen und arrogant auftritt – zwei wesentliche Merkmale, die solchen Personen zugeschrieben werden. Strawson zufolge gibt es zehn Narzissmus-Typen.
- Overt (Offen): laut, prahlerisch und dominierend.
- Covert (Verdeckt): scheinbar schüchtern, manipulativ.
- Communal (Gemeinschaftlich): scheinbar hilfsbereit, um bewundert zu werden.
- Malignant (Maligne/Bösartig): aggressiv, toxisch und empathielos.
- Vulnerable (Verletzlich): kritikempfindlich und oft in der vermeintlichen Opferrolle.
- Somatic (Somatisch): sehr auf Attraktivität bedacht, sucht Überlegenheit durch Äußerlichkeiten.
- Cerebral (Intellektuell): sehr auf Wissen bedacht, sucht Überlegenheit durch Intellekt.
- Sadistic (Sadistisch): genießt den Schmerz und die Unterlegenheit anderer.
- Grandiose (Grandios): tritt theatralisch auf, hält sich für ein Genie.
- Inverted (Umgekehrt): passen sich übermäßig an und fühlen sich von Narzisstinnen und Narzissten angezogen.

Wissenschaftliche Einordnung der Narzissmus-Typen
In ihrer Aufzählung vermischt die anerkannte Expertin Strawson teilweise klinische Begriffe mit der sogenannten Pop-Psychologie. So werden psychologische Konzepte und Theorien bezeichnet, die durch die öffentliche Debatte teils stark vereinfacht dargestellt werden und keine klinische Grundlage haben. Das bedeutet nicht, dass sie grundsätzlich falsch sind. Man muss aber klar zwischen dem einen und dem anderen unterscheiden.
Im Fall der Narzissmus-Typen sind Overt, Covert, Communal und Malignant wissenschaftlich belegt, wie etwa Prof. Dr. Mitja Back in seinem bekannten Buch „Ich! Die Kraft des Narzissmus“ erklärt. Dabei wird der Covert-Typ auch als vulnerabler Narzissmus bezeichnet, weshalb er inhaltlich eigentlich mit dem von Strawson als Vulnerable bezeichneten Typ übereinstimmt. Dabei wird anderen mit einer eingenommenen Opferrolle ein schlechtes Gewissen vermittelt.
Somatic und Cerebral sind in Kombination mit Narzissmus hingegen Begriffe aus der Pop-Psychologie, die lediglich beschreiben, worauf sich eine narzisstische Person fokussiert. Genauso wie der „invertierte“ Narzissmus stammen diese Begriffe vor allem aus den 1990er-Jahren und wurden maßgeblich von dem Laien-Autor Sam Vaknin und seinem Buch „Malignant Self Love“ geprägt.
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Vorsicht vor zu schnellen Diagnosen
Bei all den genannten Merkmalen gilt die eingangs bereits erwähnte wichtige Unterscheidung zwischen „normalem“ Persönlichkeitsmerkmal und einer ausgeprägten Persönlichkeitsstörung. Das heißt, dass nicht jeder, der auf sein Äußeres bedacht oder sehr selbstbewusst ist, automatisch eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat oder überhaupt eine Narzisstin beziehungsweise ein Narzisst ist. Dem Standardwerk „Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen“ (DSM-5) zufolge gibt es im Übrigen neun wesentliche narzisstische Merkmale:
- Grandiosität: übertriebenes Gefühl der eigenen Wichtigkeit.
- Fantasien: starke Beschäftigung mit Gedanken an Erfolg, Brillanz und Macht.
- Einzigartigkeit: der Glaube, besonders einzigartig zu sein.
- Bewunderung: verlangt nach übermäßiger Aufmerksamkeit und Anerkennung.
- Anspruchshaltung: unangemessene Erwartungen, bevorzugt behandelt zu werden.
- Ausbeutung: zwischenmenschliche Beziehungen werden für persönliche Ziele ausgenutzt.
- Empathiemangel: kann und will sich nicht in andere hineinversetzen.
- Neid: ist neidisch auf andere oder glaubt, andere seien neidisch.
- Arroganz: überhebliches Verhalten.
Laut DSM-5 müssen mindestens fünf dieser Kriterien zutreffen, damit von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung die Rede sein kann. Eine Pathologisierung solcher Merkmale kann schnell dazu führen, dass der Begriff der NPS verwässert wird. Nichtsdestotrotz bieten solche Typen gute Anhaltspunkte, um sich mit den Ausprägungen von Narzissmus und den mal mehr, mal weniger stark ausgeprägten Merkmalen auseinanderzusetzen.

