Auf Stock-Bildern zu technischer Innovation waren sie lange Standard und Mark Zuckerberg feiert sie als Ablöse des Smartphones – die Rede ist von smarten Brillen. Zwar ist das Gadget noch nicht ganz massentauglich, allerdings sehen die Geschäftszahlen vielversprechend aus. Die Vorteile liegen auf der Hand: Digitale Informationen werden direkt im Sichtfeld der Nutzerinnen und Nutzer angezeigt. Damit ist, anders als bei den meisten anderen Geräten, eine freihändige Nutzung möglich.
Dabei können die smarten Brillen inzwischen immer mehr Funktionen anbieten. Neben einer digitalen Anzeigeerweiterung können die Geräte längst Sprachbefehle ausführen und dabei auf das Internet zugreifen oder in bestimmte Videospiele eingebunden werden. Beliebt ist auch die Aufnahmefunktion für Videos und Fotos. Allerdings hat genau diese Technologie auch ihre Schattenseiten, wie ein aktueller Fall zeigt.
Da die Smart Glasses als Aufnahmegerät im Alltag in der Regel unauffälliger sind als beispielsweise ein Smartphone, ermöglichen sie es, heimlich andere Personen aufzunehmen. Was in einem Spionage-Thriller cool und nützlich sein kann, wird in der Realität mitunter auch missbraucht.

Opfer von heimlichen Filmaufnahmen berichten von großer psychischer Belastung
In einem Gespräch mit der „BBC“ berichtet eine junge Frau davon, heimlich mit einer smarten Brille gefilmt worden zu sein. Und nicht nur das, anschließend wurden die Aufnahmen ins Netz gestellt und vielfach angesehen. So hat sie offenbar erst selbst davon erfahren. „Ich hatte keine Ahnung, dass mir das passierte, ich habe der Veröffentlichung nicht zugestimmt, ich habe der heimlichen Filmaufnahme nicht zugestimmt“, erklärt die Betroffene.
Die Aufnahme zeigt sie am Strand von Brighton. Dort wurde sie von einem Mann mit Sonnenbrille angesprochen, der sie nach ihrem Namen und ihrer Telefonnummer fragte. Sie erteilte ihm eine höfliche Abfuhr mit der Begründung, dass sie einen Freund habe. Auch diese Interaktion ist im Video zu sehen. Offenbar handelte es sich bei der Sonnenbrille des Mannes um Smart Glasses mit Aufnahmefunktion.

Heimliche Aufnahmen mit smarten Brillen sind rechtlich nicht erlaubt
Das Video wurde mehr als eine Million Mal aufgerufen und erhielt zahlreiche Kommentare, viele davon waren beleidigend oder anzüglich. Da sie in dem Video gut zu erkennen ist und mit Brighton auch der Ort der Aufnahme genannt wird, habe sie teilweise panische Angst gehabt, wieder in die Öffentlichkeit zu gehen, schildert die junge Frau. Und sie ist nicht die einzige Betroffene. Derselbe Account hat der „BBC“ zufolge zahlreiche weitere Videos mit ähnlichem Inhalt gepostet. Ob alle gezeigten Frauen nichts von der Aufnahme durch die smarte Brille wussten, ist nicht bekannt; es ist allerdings davon auszugehen.
Zudem gibt es weitere Accounts, die vergleichbare Videos verbreiten. Oft zu sehen sind dabei junge Frauen, die auf der Straße, im Café oder im Fitnessstudio angesprochen werden. Diese Gespräche werden dann aufgezeichnet und veröffentlicht. Bei der „BBC“ und auch auf anderen Plattformen berichten weitere Opfer von dem beklemmenden Gefühl, das durch die heimlichen Aufnahmen ausgelöst wird. „Ich dachte, ich müsste mich übergeben“, wird eine von ihnen zitiert. Werden die entsprechenden Videos gemeldet, werden sie in der Regel auch entfernt. Allerdings scheinen die Plattformen selbst nicht von allein nach dem Material zu suchen.
Rechtlich handelt es sich im Übrigen um einen klaren Fall. Zwar darf in der Öffentlichkeit gefilmt werden. Allerdings dürfen andere Personen ohne ausdrückliche Zustimmung nur kurz als Beiwerk im Hintergrund zu sehen sein. Und auch dann dürfen die Inhalte laut § 22 des Kunsturhebergesetzes nicht verbreitet werden, wenn Personen zu erkennen sind, die mit der Verbreitung nicht explizit einverstanden sind. Zudem gilt eine rechtsmäßige Einwilligung nur dann als gegeben, wenn die gezeigten Personen auch genau wissen, um was es geht und was genau sie im Detail zustimmen. Da in den geschilderten Fällen heimlich über die smarte Brille gefilmt wurde, ist keines dieser Kriterien erfüllt.
