Aktuell geht ein Beben durch die Wintersportwelt. Denn während bei den vergangenen Olympischen Winterspielen einige neue Sportarten ins Programm aufgenommen wurden, wurde nun eine der traditionsreichsten Disziplinen gestrichen: die Nordische Kombination. Damit steht fest, dass die Kombination der nordischen Sportarten Skispringen und Skilanglauf 2030 nicht bei Olympia zu sehen sein wird.
Dem vorangegangen war eine hitzige Debatte um die Sichtbarkeit und vor allem auch um die Gleichberechtigung in der Nordischen Kombination. Denn während inzwischen in allen anderen olympischen Disziplinen auch Frauen an den Start gehen dürfen, war das in der Kombination bis zuletzt nicht möglich – trotz eines wachsenden Teilnehmerinnenfeldes im Weltcup.
Nordische Kombination fliegt nach 102 Jahren aus dem Olympia-Programm
Dass die seit mehr als 100 Jahren zum olympischen Programm gehörende Sportart gestrichen wird, gab das IOC in Lausanne bekannt. Als Gründe führte es an, dass die Nordische Kombination bei den Spielen 2026, 2022, 2018 und auch schon 2014 die unbeliebteste Sportart gewesen sei. Zudem bemängelte das IOC die mangelnde Nationenvielfalt. Bei den genannten vier Winterspielen hatten sich nur fünf Nationen die Medaillen geteilt: Norwegen, Österreich, Finnland, Japan und Deutschland.
Das sind traditionell auch jene Länder, in denen die beiden Einzeldisziplinen, Skispringen und Langlauf, stark vertreten und entsprechend beliebt sind. Dass das IOC die Kombination komplett aus dem Programm nehmen könnte, war im Vorfeld der Entscheidung bereits befürchtet worden. Deshalb hatte der zuständige Internationale Skiverband (FIS) bereits versucht, mit neuen Formaten wie dem Massenstart mehr Publikum anzuziehen.
Auch wenn einige den Ausschluss bereits vermutet hatten, gibt es dennoch deutliche Kritik. So bemängeln sowohl Verbandsverantwortliche als auch Sportlerinnen und Sportler, dass die Nordische Kombination im olympischen Programm bereits gekürzt und in Randzeiten gedrängt worden sei. Das mache es einer kleinen Sportart natürlich auch nicht einfacher, eine größere Sichtbarkeit zu generieren. Mehrfach wurde zudem angeführt, dass die Nordische Kombination im Gegensatz zu vielen anderen Disziplinen keine eigenen Sportstätten benötigt, da sowohl Sprungschanzen als auch Loipen ohnehin für die Einzeldisziplinen vorhanden sein müssen.

Entscheidung des IOC in Bezug auf die Nordische Kombination wird scharf kritisiert
Viele bemängeln zudem die Begründung des IOC, dass sich die Sportart zu sehr auf einige Nationen beschränken würde. Dazu wird vielfach angeführt, dass das bei den allermeisten Wintersportarten der Fall ist, was sich allein schon durch die teils große Abhängigkeit von der Verfügbarkeit von Schnee und Eis in den jeweiligen Ländern ergibt. Das bietet nicht nur mehr Trainingsmöglichkeiten, sondern sichert auch die Akzeptanz in der Bevölkerung und den Nachwuchs.
So ist Deutschland beispielsweise seit Jahren die bestimmende Nation, was sämtliche Disziplinen im Eiskanal – Rodeln, Bob und Skeleton – angeht. Norwegen dominiert den Langlauf, die Niederlande den Eisschnelllauf, Österreich und die Schweiz sind die bestimmenden Nationen im Ski-Alpin-Bereich, während in der vergleichsweise jungen olympischen Sportart Shorttrack kaum ein Vorbeikommen an Südkorea ist.
Dass Randsportarten aufgrund von mangelnder Aufmerksamkeit aus dem Olympia-Programm gestrichen werden, ist zwar in der Vergangenheit etwa bei Speedski bereits vorgekommen. Allerdings trifft es mit der Nordischen Kombination erstmals eine echte Traditionsdisziplin. Dem stehen außerdem frühere Maßnahmen des IOC entgegen, das beispielsweise Baseball nach 2008 ausschloss, weil die Sportart wiederum zu beliebt war und andere Wettkämpfe überschattete.
Frauen kämpfen seit Jahren um Olympia-Aufnahme
In den sozialen Medien wird das Olympia-Aus als Bruch mit dem olympischen Grundgedanken bezeichnet. Der Sportjournalist Moritz Bartscheider, der gemeinsam mit Olympiasieger Vinzenz Geiger und der ehemaligen Biathletin Corinna Horn den Podcast „Ski Happens“ betreibt, hält die Argumentationslinie des IOC für inkonsequent. Folgte man dieser Logik, dürften nur noch absolute Massensportarten wie Eishockey, Ski Alpin oder Slopestyle stattfinden.
Besondere Kritik gibt es zudem am Zeitpunkt. Dem Komitee wird vorgeworfen, die Entscheidung jetzt zu treffen, wo die Chance der Frauen, endlich ins Programm aufgenommen zu werden, am größten ist. Dafür hatte auch Deutschlands beste Kombiniererin Nathalie Armbruster viele Jahre lang gekämpft. 2024/25 gewann sie erstmals den Gesamtweltcup. Auch bei Weltmeisterschaften war sie bereits erfolgreich.
In einem Sportschau-Interview während der Winterspiele 2026 betonte die 20-Jährige noch einmal, dass es der Kindheitstraum vieler Athletinnen sei, bei Olympia anzutreten und vielleicht auch um die Medaillen kämpfen zu können. Dieser Traum ist nun in noch weitere Ferne gerückt. Was dabei viele bemängeln: Die Nordische Kombination lebt zu wesentlichen Teilen davon, eine olympische Sportart zu sein. Entsprechend groß und vielleicht sogar existenzbedrohend könnten nun die Konsequenzen sein.

Sportliche Förderstrukturen hängen zu wichtigen Teilen von Olympia ab
Mit Blick auf Deutschland kann man beispielsweise festhalten, dass Fördergelder durch nationale Verbände aber auch durch die Deutsche Sporthilfe oft direkt an den Olympiastatus gekoppelt sind. Zudem hängen Teile der sportlichen Infrastruktur davon ab, allen voran Bundesstützpunkte und auch Stellen für Trainerinnen und Trainer.
Ironischerweise dürfte das Olympia-Aus also dazu führen, dass sich das Feld der Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch mehr auf die ohnehin schon dominierenden Nationen beschränkt. Denn ohne staatliche Olympia-Fördergelder stehen ganze nationale Programme auf dem Prüfstand. Zudem geht eines der reichweitenstärksten Formate verloren, das neue Sponsoren und auch Fans generieren könnte.
Olympia-Sieger Johannes Rydzek: „Ich musste mich hinsetzen“
Entsprechend schockiert zeigten sich auch bereits einige Größen des Sports wie Johannes Rydzek. Der zweifache Olympiasieger von 2018 erklärte gegenüber dem BR: „Im ersten Moment zieht es einem den Boden unter den Füßen weg. Ich musste mich wirklich hinsetzen (...). So eine Entscheidung ist einfach schockierend.“ Dabei kritisiert der 34-Jährige auch die undurchsichtigen Entscheidungsprozesse des IOC.
Natürlich habe es Anzeichen für das Olympia-Aus gegeben, indem etwa andere Randsportarten wie Skimountaineering für 2030 bestätigt wurden. Dem gegenüber hätten aber eben auch positive Signale aus der Kombination gestanden: „Wir haben einen Weltcup aufgebaut, der fast jedes Wochenende beide Geschlechter am gleichen Ort beinhaltet. Es sind viele Schritte passiert, weswegen in den letzten Monaten diese kritischen Stimmen auch weniger wurden und gesagt wurde, dass wir auf einem guten Weg sind.“ Nun heiße es abwarten und hoffen – die Folgen für die Athletinnen und Athleten seien zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abzuschätzen.
Immerhin: Das nach 2008 ausgeschlossene Baseball kehrte bereits 2020 (wegen Corona 2021) ins Programm zurück und soll nach einer Pause 2024 auch bei den kommenden Spielen im Jahr 2028 wieder bei Olympia stattfinden. Vielleicht ergibt sich eine solche Chance auch irgendwann wieder für die Nordische Kombination.

