Angesichts der aktuellen Temperaturen und der zahlreichen Nachrichten über die Folgen der Hitzewellen mag der Herbst noch weit wirken, tatsächlich ist er aber nur noch wenige Wochen entfernt. Und mit ihm werden wohl wieder altbekannte Probleme um die Gasspeicher kommen. Diese werden über das Jahr gefüllt, um dann in kühleren Jahreszeiten, in denen der Verbrauch vor allem durch Heizen groß ist, die Gasversorgung sicherzustellen.
Allerdings schlägt jetzt schon der Gasspeicherverband INES (Initiative Energien Speichern) Alarm und warnt vor geringen Füllständen. Das liegt vor allem an der anhaltenden Sperrung der Straße von Hormus, die für die Versorgung und die Füllung der Gasspeicher essenziell ist. Diese ist wohl einer der Hauptgründe dafür, dass Deutschlands Speicherstände deutlich unter dem üblichen Niveau liegen.
Pläne für zusätzliche Einkäufe sind aktuell nicht bekannt. Die Gesamtsituation schürt die Sorge bei Expertinnen und Experten vor steigenden Preisen und Versorgungsengpässen im Winter. Davon könnte nicht nur Deutschland betroffen sein.
Gasspeicherstände in Deutschland und Europa viel zu niedrig
In der Europäischen Union werden die Gesamtbestände der Gasspeicher aktuell auf etwa 58 Prozent geschätzt. Das ist zu dieser Jahreszeit der niedrigste Stand seit dem Jahr 2011. Deutschland liegt noch unter diesem Schnitt bei etwa 47 Prozent der Kapazität. Das sind rund 26 Prozentpunkte weniger als im Mittel der Jahre 2017 bis 2021, wie der NDR berichtet.
Um eine sichere Versorgung im Winter zu gewährleisten, müssten die Speicher zu Beginn der kalten Jahreszeit eigentlich um die 90 Prozent befüllt sein. Ansonsten besteht je nach Temperaturentwicklung die Gefahr, dass im Laufe des Winters das Gas ausgeht und teuer zugekauft werden muss. Ein milder Winter könnte den Verbrauch und damit den Bedarf natürlich drücken. Allerdings lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt keinerlei seriöse Prognose über Wetter und Temperaturen in fünf oder sechs Monaten stellen.
Expertinnen und Experten befürchten nun, dass die Gasspeicher am Ende zu ungünstigen Konditionen gefüllt werden müssen, um die Versorgung sicherzustellen. Das würde im Zweifel hohe Preise bedeuten, die dann am Ende auch bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern ankommen.
Experte warnt vor Risiken in der Gasversorgung
„Deutschland steuert aktuell auf erhebliche Risiken in der Gasversorgung zu“, erklärt Sebastian Heinermann, Geschäftsführer der INES, gegenüber „T-Online“. Heinermann zufolge entscheiden nun die nächsten Wochen darüber, wie die Speicherstände und damit auch die Preise im Winter aussehen werden. Dabei verweist er auch auf grundlegende technische Probleme, die sich ergeben könnten.
Denn Gasspeicher können nur kontinuierlich befüllt werden und nicht wie bei einem Wasserhahn, den man aufdreht, wenn die Preise günstig sind und wieder zu, wenn sie steigen. Vorgebucht durch die Speicherfirmen sind momentan im Übrigen etwa 78 Prozent. Die Gasspeicher Deutschlands dürften diesen Stand dann planmäßig im November erreichen, wobei das keinesfalls als gesichert gilt.
Iran-Krieg wirkt sich zunehmend auch auf die Gasspeicher aus
Bislang war Deutschland von der Sperrung der Straße von Hormus eher anderweitig betroffen. Mit dem nahenden Herbst verschiebt sich der Fokus nun auf die Problematik mit dem Gas. Die Sperrung sorgt allerdings bereits jetzt für höhere Gaspreise. Das hat wiederum Verschiebungen auf dem Gasmarkt zur Folge, die es attraktiver machen, das Gas jetzt schon zu verkaufen als es für den Winter zurückzuhalten – anders als es sonst üblich ist.
„Richtet sich der Blick allein auf die Großhandelspreise, dann bestehen keine wirtschaftlichen Anreize, für den Winter Gas zu speichern. Im Gegenteil: Das Preisgefüge setzt Anreize, jetzt vor dem Winter Gas auszuspeichern“, erklärt Sebastian Heinermann dazu. Er fordert deshalb zum einen zügige Reformen, um die Wirtschaftlichkeit des Einspeichers zu verbessern und die Betreiber der Gasspeicher zu entlasten. Zum anderen müsse die generelle Versorgung im Sinne des Industriestandorts Deutschland gesichert werden, da im Falle eines echten Engpasses Privathaushalte bevorzugt werden.

Gasreserven der Bundesregierung kommen zu spät
Im Februar 2026 kam es bereits zu massiver Kritik an den deutlich unterdurchschnittlichen Gasspeicherständen der Bundesrepublik – und das nach einem im Mittel milden Winter 2025/26. Zwar gab es im Norden und vor allem Nordosten des Landes zwischenzeitlich deutlich mehr Schnee und Frost, die milden Temperaturen in anderen Teilen des Landes glichen das jedoch aus.
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hatte damals in Aussicht gestellt, dass die Speicher zum Winter gut gefüllt sein würden, indem man sich auf das normale Marktgeschehen verlasse. Zum damaligen Zeitpunkt war also nicht vorgesehen, dass Gas staatlich zugekauft wird. Der Aufbau der geplanten Gasreserve, die Reiches Ministerium auf 24 Milliarden Kilowattstunden angesetzt hat, was nicht einmal einem Drittel der von der INES empfohlenen Menge von 78 Milliarden entspricht, beginnt erst im Jahr 2027. Für den kommenden Winter ist das zu spät.
Gasspeicherstände sind gesetzlich geregelt
Dennoch stuft die Bundesnetzagentur die Lage in ihrem am 6. August aktualisierten Lagebericht noch als stabil ein. Das bedeutet, dass die Agentur momentan die Gefahr einer angespannten Lage als gering einschätzt. Allerdings steht angesichts der aktuellen Gasspeicherstände das Szenario im Raum, dass Deutschland die gesetzlichen Vorgaben zum Füllstand nicht einhalten kann.
Der von der EU festgelegte Stichtag dafür ist der 1. November; dann müssen die Speicher zu 80 Prozent gefüllt sein, wobei das Gesamtziel aufgrund einiger Ausnahmen eher auf 70 Prozent hinausläuft. Die deutschen Gesetze sehen eigentlich noch höhere Speicherstände vor. Wird das nicht erreicht, muss theoretisch entweder die gesetzliche Vorgabe gelockert oder durch die Bundesregierung Gas zugekauft werden – und das wird teuer.

