Was in aktuellen Serien-Erfolgen wie „Bridgerton“ seine popkulturelle Zuspitzung findet, ist ein bestimmter Typ Mann, den viele lange nur noch als Nischenprodukt abgetan haben: der „Yearning Man“, auch „Yearner“ genannt. Der zugrunde liegende englische Begriff bedeutet übersetzt „sich nach etwas sehnen“ oder auch „sich nach etwas verzehren“. Protagonist Benedict aus der aktuellen „Bridgerton“-Staffel, der monatelang voller Sehnsucht erst an die „Dame in Silber“ und dann an Sophie – die ein und dieselbe Person sind – denkt, ist dafür ein sehr gutes Beispiel.
Es gibt aber auch noch zahlreiche andere bekannte Männer- und durchaus auch einige Frauenfiguren in Film und Literatur, die man als sogenannte „Yearner“ bezeichnen kann. Erfolgreiche aktuelle Beispiele sind etwa ConradFisher aus „The Summer I Turned Pretty“ oder ab einem gewissen Punkt auch James Beaufort aus „Maxton Hall“. Das klassischste Beispiel ist aber wohl Mr. Darcy aus „Stolz und Vorurteil“ – und nicht zufällig wird die bekannte Geschichte von Jane Austen gerade von Netflix neu aufgelegt.
Der „Yearning Man“ feiert aktuell ein sehr erfolgreiches Comeback, wobei die Zielgruppe überwiegend jung und weiblich ist. Gemeint sind männliche Charaktere, die sich emotional zurückhaltend, aber treu zeigen und dabei regelrecht nach der Liebe – meistens einer Frau – schmachten. Oft leiden sie dabei im Stillen und kämpfen mit sich selbst und den eigenen Gefühlen. Doch woher kommt die momentane Begeisterung für diesen Typus?
Von Mr. Darcy bis Heathcliff: Der „Yearner“ im Wandel der Zeit
Komplett weg war die Liebe zum „Yearning Man“ nie. Wer sich erfolgreiche Literatur der vergangenen Jahrzehnte anschaut, kann dort immer wieder Beispiele entdecken. Zurzeit ist das Romantik-Genre allerdings so gefragt wie selten, was unter anderem Google-Daten, aber auch ein Blick auf die Streaming-Charts beweisen. Und mit der Rückkehr des Genres ist auch der „Yearning Man“ wieder da.
Dabei wird der „Yearner“ meistens positiv wahrgenommen, dahinter muss aber nicht zwangsläufig eine positive Figur stecken. So gilt etwa Heathcliff aus Emily Brontës „Wuthering Heights“ als eher negative Ausprägung des Typus. Die Sehnsucht wird dabei auch gegenüber Cathy, dem Objekt der Begierde, zunehmend zerstörerisch, wobei die Figur damit streng genommen kein echter „Yearning Man“ mehr ist. Übrigens wurde auch dieser Klassiker gerade neu verfilmt.

„Yearning Man“ ist Ausdruck von einer Sehnsucht nach dem Happy End
Die Gründe für die Begeisterung sind vielseitig und vielschichtig gleichermaßen. Ein wesentlicher Treiber, vor allem mit Blick auf sogenannte Romantasy – eine Vermischung von Romance und Fantasy – ist Social Media, vor allem das längst nicht mehr so nischige BookTok. Branchenexpertinnen und -experten bestätigen den deutlichen Aufschwung vor allem mit Blick auf den Young-Adult-Bereich und vermuten dahinter auch angesichts einer dauerhaft angespannten Weltlage das Bedürfnis nach einem Happy End.
Das bestätigt auch Therapeutin Dania Schiftan im Interview mit „Watson“, wobei es auch um sehr alltagsbezogene Gründe für die Begeisterung für den „Yearning Man“ geht. Der Expertin zufolge würden sich vor allem Frauen einen Partner wünschen, der emotional zugänglich sei – und genau dafür stehe der „Yearner“. Grund dafür sei auch die Entwicklung auf dem Dating-Markt.
Dating-Frust begünstigt Comeback des „Yearning Man“
Dieser sei, so Schiftan, „von Austauschbarkeit geprägt. Viele Menschen machen die Erfahrung, dass es zwar schnell Kontakt gibt, aber wenig Verbindlichkeit. Vieles bleibt oberflächlich, vage und jederzeit ersetzbar.“ Gleichzeitig zeigen Umfragedaten, dass das Bedürfnis nach festen Partnerschaften groß ist und dass es den meisten auch beim Dating darum geht, eine feste Partnerin oder einen festen Partner zu finden.
Der Unverbindlichkeit, über die sich viele beim aktuellen Dating beschweren, steht der „Yearning Man“ diametral gegenüber, wobei es keinesfalls um Selbstaufgabe geht, wie auch die Expertin betont. „Attraktiv ist in der Realität meist nicht der Mann, der alles tut und sich selbst dabei verliert, sondern der Mann, der klar in seinem Begehren ist und gleichzeitig bei sich bleibt“, erklärt Schiftan. Das zeigt sich auch in zahlreichen aktuellen Dating-Trends, die vorwiegend wieder um mehr Verbindlichkeit und emotionale Verfügbarkeit kreisen.

