Psychologin erklärt, wie Schweigen bei einem Streit helfen kann

Stille im Streit wird häufig als Rückzug oder Kälte missverstanden. Dabei ist sie ein mächtiges Instrument zur emotionalen Regulation.
Psychologin erklärt, wie Schweigen bei einem Streit helfen kann
iStock / South_agency

In Streitsituationen reagieren Menschen ganz unterschiedlich. Eines der bekanntesten wissenschaftlichen Modelle, um diese Reaktionen abzubilden, ist das sogenannte Thomas-Kilmann-Konfliktinstrument, kurz TKI. Dabei wird anhand der Variablen Durchsetzungsfähigkeit und Kooperativität in fünf Typen unterschieden:

  • Kompetitiv: eigene Interessen zuerst
  • Kollaborativ: Zusammenarbeit zur Zufriedenheit aller
  • Kompromisssuchend: Mittelweg
  • Entgegenkommend: eigene Interessen hintenan stellen
  • Vermeidend: vernachlässigen beider Interessen

Ein interessanter Punkt dieses Modells ist, dass es theoretisch auf viele Konfliktsituationen anwendbar ist und zudem aufzeigt, wie vielschichtig Verhalten in einem Streit sein kann. Ein gutes Beispiel dafür ist Schweigen. Viele würden es automatisch dem vermeidenden Bereich zuordnen, wenn eine Person im Streit schweigt. Psychologisch gesehen ist Schweigen allerdings ein Chamäleon, das viele Funktionen erfüllt – und das je nach Konflikt auch die perfekte Lösung sein kann.

Stille erfüllt eine wichtige Funktion für das Gehirn

Schweigen im Streit kann vieles bedeuten und vielschichtiger sein als lautes Schreien. Im kompetitiven Sinn wird Schweigen als Strafe und Waffe im Sinn eines „Silent Treatment“ genutzt. Man entzieht dem anderen bewusst die Kommunikation, um ihn zu bestrafen. Im entgegenkommenden Sinn handelt es sich hingegen eher um Resignation, bei Vermeidung um Rückzug. Es gibt aber auch eine kompromisssuchende und kollaborative Art des Schweigens bei einem Streit.

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Darauf verweist auch die integrative Psychologin Olga Albaladejo. Dabei verweist sie in der „Vogue“ auf die neurowissenschaftliche Funktion von Schweigen. Denn schon wenige Minuten der Stille können Stress reduzieren und emotionale Integration fördern, so Albaladejo. Stille ist in diesem Fall keinesfalls passiv, wie man zunächst annehmen könnte. Stattdessen sei das Verhalten „fokussierte Präsenz, eine Entscheidung“.

Schweigen bei Streit: Nahaufnahme einer Frau, die den Finger als „Pst“-Zeichen auf die Lippen legt
iStock / bymuratdeniz

Stille kann einen Streit wirksam entschärfen und Konflikte lösen

Ein Moment der Stille, besonders in einem Streit, führt zu Klarheit, Gelassenheit und einer kohärenten Art, die eigenen Gefühle auszudrücken, was alles wichtige Punkte in einem Konflikt sein können. Bewusst eingesetztes Schweigen ist also zum einen ein Schutzmechanismus, zum anderen schafft es Klarheit und hilft, eine Verbindung mit dem Gegenüber aufzubauen.

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Allerdings fällt Schweigen vielen schwer. Albaladejo erklärt das mit der permanenten Reizüberflutung, der die meisten im modernen und digitalen Alltag ausgesetzt sind. „Wir leben umgeben von Reizen, Botschaften, Dringlichkeiten, und wenn alles stillsteht, kommen Gedanken und Emotionen zum Vorschein, die wir vielleicht verdrängt haben. Außerdem wird Stille in vielen Kulturen als Kälte, Ablehnung oder Schwäche interpretiert, weshalb wir uns beeilen, sie zu füllen.“

Dazu kommt, dass das Gehirn in angespannten Situationen schnell in einen Verteidigungsmodus fällt. „Wenn wir Bedrohung spüren, wird die Amygdala, eine Gehirnstruktur, die mit der Erkennung von Gefahr verbunden ist, schnell aktiviert“, erklärt Albaladejo wiederum bei „El Comercio“. Dass der Mensch in stressigen Situationen emotional reagiert, ist also völlig normal, es ist allerdings nicht immer zielführend.

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Manchmal ist Schweigen viel wirksamer als Worte

In solchen Momenten empfiehlt die Psychologin, dass man eine bewusste Pause in Form von Stille einlegen sollte. Dabei soll es explizit nicht darum gehen, die andere Person im Streit zu verunsichern. Stattdessen empfiehlt sie, einmal klar zu kommunizieren, beispielsweise mit „Ich brauche ein paar Minuten, um mich zu sammeln“.

Bewusst eingesetztes „gesundes“ Schweigen hilft dabei, auf eine emotionale Überreizung zu reagieren. Alternativ kann es bereits helfen, leiser zu sprechen – nicht, um sich in einer Diskussion oder einem Streit zurückzuziehen, sondern um die Situation zu entschärfen. Zudem zwingt man durch leiseres Sprechen die andere Person, besser zuzuhören.

Das kann nicht nur in privaten Streitsituationen, sondern auch bei stressigen, konfliktgeladenen Situationen im Berufsalltag helfen. Albaladejo fasst dazu zusammen: „Diese Pause kann aussagekräftiger sein als jedes Argument.“