Wie aktuelle Statistiken untermauern, gibt es immer mehr Allergikerinnen und Allergiker. Inzwischen leidet in Deutschland etwa ein Drittel der Erwachsenen an einer allergischen Erkrankung. Dass also jemand im Sommer deshalb schniefend und hustend durch die Gegend läuft, ist längst keine Seltenheit mehr, sondern ein echtes Massenphänomen. Dabei zeigt sich außerdem: Menschen in Großstädten sind meistens heftiger betroffen und dort gibt es auch mehr Allergikerinnen und Allergiker.
Das mag paradox klingen, da es außerhalb von Städten deutlich mehr Natur gibt, auf die Menschen theoretisch allergisch reagieren können. Praktisch ist aber eine stadtplanerische Entwicklung schuld, dass in Ballungszentren im Sommer häufiger geniest wird, und zwar nicht nur deshalb, weil dort mehr Menschen wohnen. Dieser Grund nennt sich „Botanischer Sexismus“.
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Was genau ist botanischer Sexismus?
Die Mechanik hinter dem Begriff ist simpel: Auch Bäume haben Geschlechter. Dabei unterscheidet man in einhäusige und zweihäusige Arten. Einhäusige Bäume haben beide Geschlechter, zweihäusige werden jeweils einem Geschlecht zugeordnet. Die Zuschreibung richtet sich dabei nach den üblichen Richtlinien. Weibliche Bäume produzieren Früchte und Samen, männliche Bäume nicht.
Und hier kommt der botanische Sexismus ins Spiel, auch wenn das Wort Sexismus hier zumindest in Teilen metaphorisch zu verstehen ist. Um Städte sauberer zu halten, werden nämlich bereits seit Jahrzehnten im zweihäusigen Bereich vor allem männliche Bäume gepflanzt. Diese gelten als sauberer, da abgesehen von den Blättern nicht auch noch potenziell klebrige Blüten und Baumfrüchte entfernt werden müssen.
Männliche Bäume produzieren dafür etwas anderes, das nicht auf den ersten Blick sichtbar ist, nämlich Pollen. Und nicht nur das: Weibliche Bäume fangen diese Pollen normalerweise mit ihren Blütennarben auf. Fehlen diese Bäume, verbreiten sich die Pollen noch deutlich weiter, als es sonst üblich wäre. Das hat zur Folge, dass die Pollenbelastung steigt, was wiederum bei mehr Menschen eine allergische Reaktion auslöst.

Allergien stellen Betroffene und Gesellschaft vor wachsende Herausforderungen
So dargelegt mag die dem botanischen Sexismus zugrunde liegende Idee der Städteplanung beinahe pingelig wirken. Aber es gibt tatsächlich handfeste Gründe für den Sauberkeitsgedanken. Nicht nur, dass Baumblüten und -früchte Autofahrerinnen und Autofahrer in der warmen Jahreszeit vor Herausforderungen stellen, ihre Fahrzeuge sauber zu halten. Einige dieser Baumerzeugnisse locken zudem Insekten an und riechen mitunter ziemlich übel.
Allerdings sind die steigenden Allergikerzahlen nicht nur für die Betroffenen belastend. Auch das Gesundheitssystem leidet zunehmend darunter, zumal Folgeerkrankungen wie Asthma keine Seltenheit sind. Der Klimawandel führt zudem dazu, dass Pollen früher und länger fliegen. Durch die Hitze gestresste Bäume produzieren zudem noch mehr Pollen.
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Klimawandel ist ein noch größeres Problem als botanischer Sexismus
Botanischer Sexismus ist also kein Mythos, wie wiederkehrend behauptet wird, sondern absolut real und die Folgen werden immer sichtbarer. Allerdings hat die Zunahme der Anzahl von Allergikerinnen und Allergikern – neben dem bereits erwähnten Klimawandel – auch noch andere Gründe. So wird generell kritisiert, dass vor allem in Städten in den vergangenen Jahrzehnten bei der Bepflanzung zunehmend auf Monokulturen gesetzt wurde. Das treibt dann die Pollenkonzentration der jeweiligen Art noch mehr in die Höhe.
Diese Erkenntnisse sind bereits in die moderne Stadtplanung mit eingeflossen. Heutzutage wird auf eine bessere Durchmischung der Baumarten und -geschlechter geachtet. Für einen langfristigen Wandel und eine Entlastung der Allergikerinnen und Allergiker reicht das allerdings nicht aus, zumal diese im Gesundheitssystem allgemein als unterversorgt gelten.
Und die Folgen des Klimawandels auf Allergien lassen sich damit auch nicht abfedern. Denn neben dem Einfluss auf die Pollen führt etwa auch die steigende Luftverschmutzung dazu, dass sich Symptome bei Betroffenen verschlimmern. Die Europäische Akademie für Allergie und klinische Immunologie (EAACI) geht zudem davon aus, dass bis 2050 bereits jede und jeder Zweite von einer chronischen allergischen Erkrankung betroffen sein könnte.

