Als Lagerarzt in Auschwitz führte Josef Mengele grausame „medizinische Experimente“ an Häftlingen durch, was ihm den Beinamen „Todesengel von Auschwitz“ und eine düstere Bekanntheit einbrachte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konnte sich Mengele ins Ausland absetzen, erst nach Argentinien und dann nach Brasilien, wo er trotz internationalen Haftbefehls zu Lebzeiten nicht mehr gefunden wurde.
Erst nach seinem Tod – er ertrank 1979 im Alter von 67 Jahren – wurde dann sein Leichnam nach intensiven Ermittlungen im Jahr 1985 identifiziert und sichergestellt. Die Umstände seiner damaligen Flucht sorgen bis heute für Spekulationen. Das liegt auch daran, dass einige Akten zu Josef Mengele nach wie vor unter Verschluss gehalten werden. Das soll sich jetzt ändern.
Klage gegen Schutzfrist für Dokumente zu NS-Arzt
Wie Medien übereinstimmend berichten, hatten mehrere Historikerinnen und Historiker in den vergangenen Jahren Einsicht in die Akten zu Josef Mengele in der Schweiz verlangt. Dort soll sich der Kriegsverbrecher möglicherweise Anfang der 1960er-Jahre aufgehalten haben, nachdem er bereits 1956 gemeinsam mit seinem Sohn einen Skiurlaub in dem Land verbracht hatte. Wie der Nachrichtendienst des Landes (NDB) nun überraschend bekannt gab, wird endlich Einsicht in die Akten gewährt.
Grund für die Öffnung ist eine vor allem durch Crowdfunding finanzierte Klage des Historikers Gérard Wettstein. Dieser ging gegen die Entscheidung, dass die Akten noch bis 2071 unter Verschluss bleiben sollten, gerichtlich vor. Als Folge gewährt der NDB Wettstein nun Einsicht in die Unterlagen, nachdem der Historiker auch öffentlich gemahnt hatte, dass es Verschwörungstheorien befeuern würde, wenn die Informationen weiterhin geheim gehalten würden.

Was hat Josef Mengele in der Schweiz gemacht?
Expertinnen und Experten erhoffen sich dadurch wichtige neue Informationen zu einem möglichen weiteren Aufenthalt des NS-Arztes in der Schweiz. Dazu gibt es seit Jahrzehnten Spekulationen, die unter anderem auf einer durch Mengeles Frau angemieteten Wohnung in Zürich ganz in der Nähe des internationalen Flughafens basieren.
Zudem soll es Recherchen der Historikerin Regula Bochsler zufolge eine Warnung des österreichischen Geheimdienstes gegeben haben, dass sich Mengele unter falschem Namen in der Schweiz aufhalte. Die Akteneinsicht soll nun Licht ins Dunkel bringen, ist aber zunächst auf den Historiker und Beschwerdeführer Gérard Wettstein beschränkt, und das auch nur unter noch nicht festgelegten Auflagen.
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Akteneinsicht könnte neue Details ans Licht bringen – oder auch nicht
Während einige Expertinnen und Experten auf bahnbrechende neue Erkenntnisse durch die Akten zu Josef Mengele hoffen, gibt es andere, die diese Hoffnung eher dämpfen. Dass die Akten so lange unter Verschluss gehalten wurden, könne eher an Details zur Zusammenarbeit mit anderen Geheimdiensten wie dem Mossad liegen als an brisanten Informationen zu dem NS-Täter.
Allerdings sind sich die meisten Historikerinnen und Historiker in ihrer Bewertung einig, dass die Geheimhaltung der Schweizer Behörden Verschwörungstheorien befeuert hat. Das Interesse der Öffentlichkeit an der Geschichte von Josef Mengele ist unabhängig davon ungebrochen groß, zumal er sich bis zu seinem Tod der juristischen Verantwortung für seine Taten entziehen konnte.

