US-Regierung zwingt Anthropic zur Modell-Abschaltung: Experten fordern klare Maßnahmen

Ein KI-Unternehmen wurde von der US-Regierung gezwungen, seine neueste Software abzuschalten. Experten befürchten einen gefährlichen Präzedenzfall, der nicht nur ausländische Unternehmen, sondern die gesamte Branche gefährden könnte.
US-Regierung zwingt Anthropic zur Modell-Abschaltung: Experten fordern klare Maßnahmen
picture alliance

Der Markt für KI-Modelle wird vor allem von einer Handvoll großer Namen bestimmt. Dazu gehören in erster Linie Google (Alphabet), Microsoft und Meta, aber natürlich auch OpenAI – und Anthropic. Den meisten Menschen hierzulande sagt der Name wahrscheinlich erst seit dem Eklat mit der US-Regierung etwas. Ursprünglich wurde die Anthropic-Software nämlich auch vom Pentagon genutzt.

Dann allerdings weigerte sich das Unternehmen, seine Technologie für inländische Massenüberwachung und vollautonome Waffen zur Verfügung zu stellen. Daraufhin wurde der Deal zwischen Anthropic und dem Pentagon aufgelöst; die US-Behörde einigte sich stattdessen mit ChatGPT-Anbieter OpenAI. Damit ist der Streit zwischen der US-Regierung und Anthropic allerdings offensichtlich noch nicht zu Ende.

Was ist passiert?

In den vergangenen Wochen wurden die Nachrichten zur KI-Branche von der neuen Modellversion Claude Mythos von Anthropic bestimmt. Die Besonderheit: Die Software kann unter anderem völlig eigenständig kritische Sicherheitslücken in Systemen finden. Das Missbrauchspotenzial ist enorm, weshalb der Anbieter Claude Mythos erst schrittweise zur Verfügung gestellt hat – bis die US-Regierung eingeschritten ist.

Anzeige

Aus Gründen der nationalen Sicherheit hat das Handelsministerium der USA Anthropic aufgefordert, seine Software zu blockieren. Allerdings gilt diese Aufforderung offenbar nur für ausländische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger; auch für solche, die in den USA leben. Das Unternehmen hat reagiert und seine neueste Software komplett abgeschaltet. Konkret betrifft das die Top-KI-Modelle „Mythos 5“ und „Fable 5“.

Smartphone zeigt den Schriftzug „Claude Fable“ als Symbolbild für die neuesten KI-Modelle von Anthropic
picture alliance

Laut Anthropic ist alles nur ein „Missverständnis“

Anthropic selbst spricht von einem Missverständnis und erklärt, dass die US-Regierung ihre Bedenken bezüglich eines Sicherheitsrisikos durch Claude Mythos nicht näher ausgeführt habe. Das Unternehmen wolle den Zugang so bald wie möglich wiederherstellen. Die aktuellen Maßnahmen der Regierung entsprechen Anthropic zufolge nicht den Grundsätzen einer fairen und faktenbasierten Regulierung.

Anzeige

Und das Unternehmen ist mit seiner Kritik am Vorgehen des Handelsministeriums der USA nicht alleine. So bezeichnete etwa Markus Beckedahl vom Zentrum für Digitalrechte und Demokratie gegenüber der „Tagesschau24“ die mangelnde Transparenz als „Riesenproblem“. Man könne nicht einfach ohne das Nennen spezifischer Gründe so einschneidende Maßnahmen immer mit der nationalen Sicherheit begründen.

Anthropic könnte gefährlichen Präzedenzfall schaffen

Mehrere Expertinnen und Experten bringen zumindest die Möglichkeit ins Spiel, dass die US-Regierung auf diese Weise erreichen möchte, dass wirtschaftliche Konkurrenten von Anthropic, mit dem man sich in einem aktuellen Rechtsstreit befindet, einen Vorteil erhalten. Das sei auch deshalb so gefährlich, weil über die KI-Branche hinaus im gesamten Digitalbereich zahlreiche Angebote unmittelbar von einer kleinen Anzahl an Firmen abhängen, die sich nahezu ausschließlich im US-amerikanischen Raum befinden.

Sven Prange, Experte beim „Handelsblatt“, schreibt dazu unter anderem: „Selten ließ sich Europas digitale Ohnmacht so unmittelbar besichtigen.“ Denn im Wettrüsten um die KI-Herrschaft haben die USA die Nase vorn, dicht gefolgt von China. In Europa gibt es zwar inzwischen einige kleinere Anbieter wie Mistral AI aus Frankreich oder Aleph Alpha aus Deutschland. Vor allem in Sachen Vernetzung und somit Marktmacht können diese allerdings nicht mit den großen US-Konzernen mithalten.

Donald Trump hält ein USA-Schild
picture alliance

Experten fordern digitale Souveränität Europas

Bereits seit Jahren wird deshalb aus kartellrechtlicher Sicht um Konzerne wie Meta oder Alphabet gestritten. Immer wieder wirft etwa der Verbraucherschutz diesen Unternehmen zu große Marktmacht vor. Wozu das führen kann, wenn entsprechender politischer Wille da ist, sehe man am aktuellen Beispiel von Anthropic, so zahlreiche Expertinnen und Experten.

Die EU prüft zwar aktuell mögliche Reaktionen. Allerdings wird in einem Statement vom Sonntag vor allem auch auf die Stärkung der eigenen technologischen Souveränität verwiesen. Diese wäre diversen Einschätzungen zufolge auch geopolitisch zunehmend wichtig.