In Birmingham sind derzeit die Leichtathletik-Europameisterschaften in vollem Gange; die Wettkämpfe laufen seit Montag. Schon am Dienstagabend fand dabei ein Highlight statt, das etwa bei Olympischen Spielen oft eher Richtung Schluss gesetzt wird: das 100-Meter-Finale der Männer. Aus deutscher Sicht lagen dabei große Hoffnungen auf dem für den Hamburger SV startenden Owen Ansah.
Und tatsächlich konnte sich der 25-Jährige und mit ihm der deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) am Ende des Abends über den dritten Platz und damit die Bronzemedaille freuen. Nach einem etwas verpatzten Start – der Deutsche kam mit einer Reaktionszeit von 0,165 Sekunden als Letzter aus dem Block – konnte Ansah noch an einem Großteil des Feldes vorbeiziehen und sich am Ende mit einer Zeit von 10,19 Sekunden einen Platz auf dem Podium hinter den beiden Startern aus Großbritannien sichern.
Es ist die erste Medaille für Deutschland seit 40 Jahren in dieser Disziplin bei den Männern. Allerdings ist zum jetzigen Zeitpunkt fraglich, ob Ansah sie auch behalten darf.
Verweigerte Dopingkontrolle sorgt für Diskussionen
Schon vor dem Start der EM gab es einigen Wirbel um den deutschen Sprinter. Dieser nahm nämlich auch Anfang Juli am Diamond-League-Meeting in Monaco teil. Kurz vor seinem Aufbruch zum Flughafen klopfte allerdings die Nationale Anti Doping Agentur (NADA) an seine Tür, um eine Kontrolle durchzuführen. Owen Ansah lehnte diese Kontrolle ab und flog zum Wettkampf.
„Sprintstar verweigert Dopingkontrolle“, lauteten damals die ersten Schlagzeilen. Allerdings wurde schnell klar, dass der Fall komplizierter ist. Zur Erklärung: Sportlerinnen und Sportler müssen sich im Rahmen der Anti-Doping-Richtlinien vollumfänglich für Kontrollen zur Verfügung stellen. Unter anderem müssen im Testpool registrierte Athletinnen und Athleten ihre Zeitpläne im Vorfeld offenlegen und für jeden Tag ein einstündiges Testfenster zwischen 6 und 23 Uhr angeben, an dem sie für eine unangekündigte Dopingkontrolle zur Verfügung stehen.
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Die Regeln für unangekündigte Dopingkontrollen
Für Sportlerinnen und Sportler bedeutet das unter anderem, dass beispielsweise ein spontaner Kurztrip theoretisch nicht erlaubt ist. Sollten sie nämlich unangekündigt ausgerechnet in diesem Zeitfenster kontrolliert werden und dann nicht anzutreffen sein, bekommen sie einen Strike.
Das wurde beispielsweise dem lettischen Biathleten Andrejs Rastorgujevs zum Verhängnis, der dreimal innerhalb von zwölf Monaten Dopingkontrollen verpasste, weil er sich zum angegebenen Zeitpunkt nicht genau am angegebenen Ort, sondern beispielsweise auf einer in der Nähe liegenden Trainingsstrecke befunden hatte. Am Ende wurde er dafür 18 Monate gesperrt.
In Owen Ansahs Fall bekam der deutsche Sprinter allerdings keinen Strike. Bei ihm geht es nämlich nicht „nur“ um eine verpasste Kontrolle, sondern um eine Verweigerung. Dafür droht ihm nun eine vierjährige Sperre. Paradoxerweise wäre es für den Sportler also besser gewesen, wenn er dem Kontrolleur gar nicht erst die Tür geöffnet hätte.

Owen Ansah musste zu seinem Flieger
Grund für die Verweigerung war dem Sprinter zufolge Zeitdruck, da er sich beeilen musste, um zum Flughafen zu kommen. Eigentlich war der Deutsche nämlich gar nicht für das Diamond-League-Meeting vorgesehen, konnte jedoch kurzfristig nachrücken – eine große Chance für den Sportler und auch für den DLV, der jahrelang nicht bei solchen Events vertreten war.
Owen Ansah erklärt, dass er sich in Eile befand und zudem eben erst die Toilette aufgesucht hatte, als es an seiner Tür klopfte. Selbst wenn er also noch einmal schnell eine Urinprobe hätte abgeben können, was seiner Schilderung zufolge nicht der Fall gewesen war, dann hätte diese ohnehin nicht die erforderliche Menge von 90 Millilitern gehabt.
Nach Ansahs Schilderung gab es zudem nicht die Möglichkeit beziehungsweise kein Angebot, dass der Kontrolleur ihn zum Flughafen begleitet. Zudem sei ihm nicht klar gewesen, dass der Vorgang als verweigerte Kontrolle gewertet werden könnte. Dazu steht unter anderem die Frage im Raum, ob ihn der Kontrolleur nicht noch einmal explizit darauf hätte hinweisen oder ob ein Sportler wie Ansah nicht um die Regeln hätte wissen müssen.
Entscheidung über Sperre von Owen Ansah steht noch aus
Eine vierjährige Sperre würde rückwirkend ab dem 9. Juli greifen, damit wären auch alle Ergebnisse der Leichtathletik-EM nichtig. Der Fall wird nun vor dem Deutschen Sportschiedsgericht (DIS) verhandelt. Ansahs Anwalt erklärte dazu: „Unser Mandant Owen Ansah hat sich zu keinem Zeitpunkt geweigert, eine Dopingkontrolle durchzuführen. Er hat zu keinem Zeitpunkt die Abgabe einer Probe abgelehnt. Owen Ansah hat zu keinem Zeitpunkt gesagt oder den Eindruck erweckt, dass er eine Dopingkontrolle nicht durchführen wolle.“
Wie der Fall ausgehen wird, ist ungewiss. Während etwa der Sportrechtler Dr. Paul Lambertz beim NDR gute Chancen für Owen Ansah sieht, geht Doping-Experte Fritz Sörgel beim Focus fest von einer Strafe aus. Ansah wird nichtsdestotrotz bei der Leichtathletik-EM auch noch über 200 Meter starten. Bei den Staffeln ist er hingegen nicht am Start.

