Kann das Leben müde machen? Philosophin warnt vor ontologisch-existenzieller Erschöpfung

Die Welt fühlt sich zu schwer an und die Gesellschaft ist müde. Die Philosophin Marina Christodoulou beschreibt einen Zustand, der weit über die Erschöpfung am Arbeitsplatz hinausgeht – und erklärt, warum er gleichzeitig eine Chance sein kann.
Kann das Leben müde machen? Philosophin warnt vor ontologisch-existenzieller Erschöpfung
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Immer mehr Menschen leiden unter Müdigkeit und Erschöpfung. Mittlerweile gibt es zahlreiche Erkrankungen, die auf diesen Zustand folgen können. Dazu zählen das Fatigue-Syndrom, Depressionen oder ein Burnout. Doch mittlerweile scheint die Gesellschaft vom Leben erschöpft zu sein. In den sozialen Medien fragen immer mehr junge Menschen, warum sie sich so müde fühlen und erzählen, dass sie kaum noch Lust haben, in ihrer Freizeit das Haus zu verlassen.

Die Philosophin Marina Christodoulou hat mit ihrer Theorie zur Erschöpfung der Gesellschaft eine neue Diskussion angestoßen. Sie sagt, die Menschen seien nicht einfach nur ausgebrannt, sondern erschöpft vom Leben in dieser neuen Welt. Den Zustand nennt sie ontologisch-existenzielle Erschöpfung. Diese Müdigkeit geht sogar noch über ein Burnout hinaus.

Existenzielle Erschöpfung: Mann sitzt verzweifelt am Schreibtisch
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Erschöpfung als Normalzustand: Marina Christodoulou entfacht Debatte über die aktuelle Welt

„Es ist nicht einfach körperliche Müdigkeit. Es ist das Gefühl, dass die Welt selbst zu schwer geworden ist, um wieder in sie einzutreten. Man will nicht – oder besser: Man kann nicht – die Energie aufbringen, dieses Leben weiterzuleben“, erklärt Christodoulou, deren Konzept kürzlich in dem Fachjournal „Angelaki“ veröffentlicht wurde. Allerdings betont sie, dass dieser Zustand keinesfalls bedeuten würde, dass „jemand sterben oder gar nicht mehr leben will“. Stattdessen wünscht man sich ein anderes Leben. Auch Auszeiten und Urlaube können dann nicht mehr helfen, da es sich nicht um einen Mangel an Energie handelt. Das Problem liegt „in der Art und Weise, wie Leben, Arbeit, Identität und Welt erfahren werden“.

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Die Philosophin nennt das Phänomen auch „Tired of Being“ (Müde vom Sein) und hofft, dass Betroffene sich weniger allein fühlen, wenn sie bemerken, dass auch andere diese Erschöpfung kennen. Die Ursachen sind vielfältig und reichen von der Entwicklung der KI und den Smartphones bis hin zu Schlafmangel und Belastung am Arbeitsplatz. Doch: „Das tiefere Problem ist eine beschädigte Beziehung zum Leben, zu Sinn und zu Möglichkeit.“ Die Erschöpfung kann Christodoulou zufolge aber auch eine Art Chance sein. „Wenn Menschen nicht länger so tun können, als sei alles in Ordnung, beginnen sie vielleicht, sich andere Rhythmen, andere Beziehungen und andere Lebensformen vorzustellen“, erklärt sie in einem Interview. Personen, die an einem Burnout oder einem Fatigue-Syndrom leiden, sollten außerdem nicht zögern, sich Hilfe zu suchen. Das kann professionelle Hilfe sein oder auch Unterstützung von Freunden und Verwandten.

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Auch in Deutschland: Immer mehr Menschen vom Burnout-Syndrom betroffen

Allgemein nehmen Erkrankungen wie Depressionen und Burnout weiter zu. Allerdings wollen viele Betroffene gar nicht wahrhaben, wie es ihnen geht. Sie wollen sich selbst nicht eingestehen, dass sie Hilfe oder eine Pause von sämtlichen Belastungen brauchen. „Als ich vor 25 Jahren angefangen habe, mit Burnout-Betroffenen zu arbeiten, waren die meisten von ihnen in sozialen Berufen tätig. Das hat sich fundamental geändert. Heute haben wir Klienten aus allen Berufsgruppen und Einkommensschichten“, erklärte der Burnout-Experte Frank Berndt gegenüber dem Stern.

Daten der KKH Kaufmännische Krankenkasse zeigten, dass aufgrund eines diagnostizierten Burnout-Syndroms im Jahr 2024 107,3 Fehltage auf 1.000 ganzjährig versicherte Arbeitnehmer:innen kamen. Ein Anstieg von 33 Prozent in fünf Jahren. Dabei handelt es sich aber nur um dokumentierte Fälle mit Attest. „Die Zahlen zeigen nur die Spitze des Eisbergs“, erklärte Antje Judick, Arbeitspsychologin bei der KKH. Experten wollen deshalb künftig noch einen stärkeren Fokus auf präventive Maßnahmen legen.