72 Arbeitsstunden pro Woche: Umstrittenes „996“-Arbeitsmodell wird immer beliebter

Das extrem leistungsorientierte „996“-Konzept kennt man vor allem aus China, inzwischen kann man es aber auch immer häufiger in anderen Ländern beobachten. Angestellten wird dabei oft keine Wahl gelassen.
72 Arbeitsstunden pro Woche: Umstrittenes „996“-Arbeitsmodell wird immer beliebter
iStock / gorodenkoff

Deutschland streitet aktuell über das Recht auf Teilzeit, die 40-Stunden-Woche und achtstündige Arbeitstage. Aber auch in anderen Ländern sorgen diverse Arbeitsmodelle für Diskussionen. Besonderes Aufsehen erregte dabei das sogenannte „996“-Modell aus China, das sich aber vor allem in den USA zunehmend ausbreiten soll. Angestellte sowie Bewerberinnen und Bewerber haben oft keine Wahl, wenn sie den Job bekommen oder behalten wollen.

Die Zahlen stehen für eine extreme Arbeitswoche für Angestellte. Die erste Neun steht für einen Arbeitsbeginn um 9 Uhr morgens, die zweite für ein Arbeitsende um 9 Uhr abends, die Sechs meint, dass dieses Modell an sechs Tagen die Woche gilt. Damit würden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf insgesamt 72 Arbeitsstunden pro Woche kommen – eine enorme Anzahl, die wenig Raum für ein Privatleben lässt. Für einige Unternehmen scheint das durchaus attraktiv zu sein, auch in Europa.

996-Modell: Überarbeitete Frau in einem Büro
iStock / Noko LTD

„996“-Modell soll vor allem bei Startups in der Tech-Szene verbreitet sein

So berichtet unter anderem „Wired“ von einigen US-Startups, die entsprechende Erwartungen stellen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden sich das „996“-Modell etwa aufgrund mangelnder Alternativen oder drei kostenlosen Mahlzeiten am Tag häufig gefallen lassen, heißt es in dem Bericht. Übrigens ist eine Wochenarbeitszeit von 72 Stunden weder in den USA noch in China legal. In dem asiatischen Land führte die Praxis im Jahr 2021 sogar zu groß angelegten Protesten, vor allem in der für das Land so wichtigen Hightech-Branche.

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In Europa sorgte Ende 2025 unter anderem das schweizerische Unternehmen Forgis für Schlagzeilen. In der Stellenanzeige war sogar von 80 bis 100 Stunden pro Woche die Rede, die in die Arbeit fließen sollten. Zudem wurden eine hohe Flexibilität und Anpassungsfähigkeit gefordert. Im Gegenzug versprach das Startup unter anderem eine Unterkunft im sogenannten Hacker-Haus in Schlieren bei einem gleichzeitig eher unterdurchschnittlichen Gehalt und einem geringen Aktienpaket, das sich entsprechend nur lohnt, wenn die Firma auch erfolgreich wird – ein Konzept, das insgesamt verdächtig an das „996“-Arbeitsmodell aus China erinnert.

In Deutschland wären solche Arbeitsbedingungen rein rechtlich gesehen nicht denkbar. Das würde auch dann noch gelten, wenn die eingangs erwähnten Debatten entsprechende Folgen haben würden. Allerdings ist aktuell wieder ein Wandel zu einem sogenannten Arbeitgebermarkt zu beobachten, also eine Situation am Markt, bei der zunehmend mehr Arbeitnehmer auf weniger offene Stellen kommen. Das könnte zumindest im inoffiziellen Rahmen auch zu einer erhöhten Anspruchsleistung der Arbeitgeber führen. Dass offen ein „996“-Arbeitsmodell gefordert wird, scheint dennoch unwahrscheinlich.

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