Auch wenn Worte wie „etwas twittern“ immer noch nicht ganz aus dem Sprachgebrauch verschwunden sind, ist die Social-Media-Plattform de facto Geschichte. Seit Elon Musk die beliebte Plattform im Jahr 2022 gekauft und dann im Sommer 2023 in X umbenannt hat, existiert „Twitter“ nicht mehr.
Jetzt gibt es allerdings ein Start-up, das das Netzwerk mit dem blauen Vogel zurückbringen möchte – und sich dafür auch mit dem reichsten Menschen der Welt anlegt. Unter „twitter.now“ findet man bereits eine Plattform, der Early Access steht für zahlende Nutzerinnen und Nutzer zur Verfügung. Wie genau sehen die Pläne überhaupt aus und wie stehen die Erfolgschancen, dass der ehemals omnipräsente Dienst zurückkehren könnte?
Im Kern geht es um einen Markenrechtsstreit
Hinter dem Projekt steht das US-Start-up Operation Bluebird. Das Unternehmen, an dem unter anderem Stephen Coates, der früher als Markenanwalt für Twitter tätig war, beteiligt ist, möchte die Plattform mit dem blauen Vogel in einer etwas veränderten Form zurückbringen. Diese Pläne wurden bereits im vergangenen Jahr kommuniziert.
Im gleichen Zug reichte das Unternehmen beim US-Patent- und Markenamt (USPTO) einen Antrag auf die Löschung mehrerer Twitter-bezogener Marken sowie auf Eintragung einer neuen Marke mit diesem Namen für sich selbst ein. Im Kern steht nun die Frage, wem die Markenrechte gehören, nachdem Elon Musk den Dienst gekauft und großflächig umbenannt und eine neue Marke um X herum aufgebaut hat.
Aktuell erhebt Musks Firma X Corp. Klage gegen Operation Bluebird; entschieden ist in diesem Fall noch nichts. Im April deutete ein US-Bundesrichter bei einer Anhörung an, dass X zumindest einige Rechte verloren haben könnte, die sich unter anderem auf das Logo und Begriffe wie „Tweet“ beziehen. Unklar ist aber, wie es um die Nutzung des Markennamens „Twitter“ an sich steht.
Das neue „Twitter“ möchte sich klar von Elon Musk abgrenzen
Trotz des weiterhin schwelenden Rechtsstreits ist Operation Bluebird bereits mit seiner Plattform „Tweet“ an den Start gegangen. Es steht auch eine App zur Verfügung, beides enthält allerdings noch keinen Feed, sondern lediglich eine Übersicht zu den Plänen des Unternehmens.
Interessierte müssen für den Early Access zum jetzigen Zeitpunkt mindestens 20 Dollar bezahlen. Dafür gibt es unter anderem exklusive Abzeichen und einen „Gründerstatus“. Wer 40 Dollar bezahlt, ist offiziell ein „Kämpfer“ mit einem weiteren speziellen Abzeichen.
Die Abgrenzung von X ist dem Start-up dabei besonders wichtig. So ist bereits in der Anmoderation auf der Website klar herausgestellt, dass „kein Billionär“ hinter dem Projekt stehe. Optisch knüpft das Konzept dabei klar an das frühere Twitter an und es ist, wie bei vergleichbaren Plattformen, geplant, dass Nutzerinnen und Nutzer Beiträge posten, auf diese antworten und Inhalte verbreiten können. Dabei liegt allerdings ein klarer Fokus auf Vertrauensfiltern.

Neue Plattform setzt auf einen Vertrauenswert
Wie Operation Bluebird ausführt, übernehmen in der aktuellen Social-Media-Welt, die zunehmend von KI und Falschinformationen geprägt ist, die Nutzerinnen und Nutzer den Job, den eigentlich die Plattform-Anbieter machen sollten: die Verifizierung der Inhalte. „Du hast in deinem Kopf ein komplettes privates Verifizierungssystem entwickelt und führst es dreißig Mal am Tag unbezahlt im Auftrag einer Firma aus, die es dir hätte bauen können“, heißt es.
Und weiter: „Das Internet hat kein Inhaltsproblem, sondern ein Vertrauensproblem.“ Um dieses zu lösen, möchte Operation Bluebird auf ein eigenes System namens Vera setzen. Dabei handelt es sich um eine KI-basierte Funktion, die Inhalte und Quellen prüft. Auf Basis der dadurch gewonnenen Erkenntnisse wird ein Vertrauenswert erstellt, der direkt bei den Posts eingeblendet wird. Der Anbieter betont, dass eine falsche Information aber nicht automatisch negative Effekte auf den Urheberaccount hat. „Lügner verlieren das Megafon, nicht ihre Stimme“, schreibt das Unternehmen dazu.
Nutzerinnen und Nutzer haben dann unter anderem die Möglichkeit, für ihr Profil einen Mindestwert anzugeben. Nachrichten mit einem Score, der darunter liegt, werden im Feed nicht mehr angezeigt. Twitter.now möchte auf diese Weise mehr Individualisierung zulassen und nicht einfach automatisch die Inhalte mit der größten Reichweite pushen.
Wie steht es um die Zukunft von „Twitter.now“?
Noch ist die Lage um den Markennamen nicht final geklärt. Zwar lehnte es ein Gericht am 3. September 2026 ab, Operation Bluebird „die Verwendung der Marke 'Tweet' und des Vogellogos zu untersagen“, wie das Start-up selbst schreibt. Entschieden ist damit aber noch nichts.
Und auch im Falle eines Sieges von Operation Bluebird vor Gericht ist damit der Erfolg der neuen Plattform natürlich nicht ausgemacht. Sollte sich das Start-up gegen Elon Musks Firma durchsetzen können, dürfte es immerhin den bekannten Markennamen benutzen, was ein großer Aufmerksamkeitshebel wäre.
Aber auch unabhängig davon muss sich zeigen, wie das Konzept mit dem Vertrauenswert bei den Nutzerinnen und Nutzern ankommt. Es ist in jedem Fall ein recht neuer Ansatz in der anhaltenden Social-Media-Frage, wie man Meinungsfreiheit mit der Masse an Falschinformationen vereinbaren kann.

