In der Weltpolitik tut sich gerade einiges. Der anhaltende Krieg in der Ukraine, die Entwicklungen im Nahen Osten und diverse politische Umbrüche überall auf der Welt sind nur einige der Dinge, die die Diplomatinnen und Diplomaten auch hierzulande aktuell beschäftigen. Dabei sollten einige zukunftweisende Entwicklungen allerdings auf keinen Fall übersehen werden, warnen nun einige Expertinnen und Experten eines in Brüssel ansässigen Think-Tanks.
Unter dem Titel „Europa 2031“ entwerfen sie ein Zukunftsszenario für den Kontinent, das für heftige Diskussionen sorgt. Dazu heißt es: „Dies ist ein Szenario über Europas drohendes Abgleiten in die Bedeutungslosigkeit.“ Dadurch wollen sie davor warnen, was passiert, wenn die EU und somit der gesamte Kontinent den Anschluss in der digitalen Entwicklung und vor allem bei Künstlicher Intelligenz (KI) verliert.
Diese Zukunft steht uns laut „Europa 2031“ bevor
In dem Text wird eine düstere Zukunft ausgemalt, in der die EU fast vollständig von den USA und China abhängig ist. Darunter leidet die Wirtschaft massiv, während die beiden Nationen die Weltmacht unter sich aufteilen. Dafür setzen die USA und China die Europäerinnen und Europäer massiv unter Druck, um mit dem niederländischen Chipmaschinen-Hersteller ASML das letzte wertvolle Unternehmen des Kontinents zu bekommen, während die Europäische Union zerfällt.
Dazu kann es in dem fiktiven Szenario aufgrund einer Verkettung von Umständen kommen, die aktuell sogar bereits im Gange ist. Als Basis dient der sogenannte DeepSeek-Schock im Jahr 2025, der der Welt gezeigt hat, dass hochmoderne KI nicht unbedingt aus den USA kommen und Unsummen verschlingen muss. Das führt innerhalb von „Europa 2031“ dazu, dass die Europäerinnen und Europäer den KI-Anschluss komplett verschlafen, auch weil sie starr an Datenschutz und eigenen souveränen Modellen festhalten.
China veröffentlicht dann 2027 ein weiteres Modell, das mit denen der USA mithalten kann. Daraufhin beginnt ein Cyberkrieg, von dem die EU hart getroffen wird, da es keine eigenen leistungsfähigen KI-Modelle hat, um sich zu verteidigen.

Szenario mischt wahre Geschehnisse mit Zukunftsüberlegungen
Dieses fiktive Szenario schlägt aktuell hohe Wellen. Das liegt vor allem daran, dass es bereits in einem Punkt richtig lag. Denn der Text erschien unmittelbar vor dem Beschluss des US-Handelsministeriums, dass ausländische Staatsbürgerinnen und -bürger die neuen KI-Modelle von Anthropic, Mythos 5 und Fable 5, nicht nutzen dürften, woraufhin das Unternehmen diese komplett sperrte.
Zwar wurde das nicht exakt so in „Europa 2031“ prognostiziert. Der Text enthält aber eine ganz ähnliche Maßnahme, in der die USA anderen Nationen den Zugriff auf ihre KI-Modelle entziehen. Und auch die aktuelle Warnung der Five Eyes passt erschreckend gut zu dem Szenario.
Seit dem Anthropic-Fall ist die Diskussion um europäische Souveränität im Bereich der Digitalisierung und der KI-Modelle so lebendig wie wahrscheinlich noch nie. Das Vorgehen hat vielen gezeigt, wie abhängig man vor allem von US-amerikanischen Anbietern ist, während viele Hardware-Erfolge aktuell in China errungen werden.
Die Autorinnen und Autoren des Szenarios wollen mit ihrem Entwurf vor allem auf das Thema an sich aufmerksam machen. Sie fordern dabei in erster Linie, dass deutlich mehr in den Ausbau von KI-Strukturen und vor allem von Rechenzentren investiert wird. Gleichzeitig empfehlen sie, viele regulatorische Maßnahmen in Bezug auf die Technologie abzubauen. Das soll auch dem Arbeitsmarkt helfen.
„Europa 2031“ plädiert vor allem für massive Investitionen
Der Text zielt vor allem auf eines ab: die möglichen Folgen verschleppter Maßnahmen greifbar zu machen. Denn für viele ist KI immer noch eine abstrakte oder unterhaltsame Technologie, deren wirtschaftlicher und geopolitischer Einfluss nur schwer zu erfassen ist.
„Ich glaube, alle Regierungen in Europa, die Europäische Union und die europäischen Unternehmen müssen verstehen, dass KI eben nicht ein Thema oder eine Technologie wie alle anderen ist“, erklärt Philip Fox, Mitautor des Szenarios, dem Bayerischen Rundfunk. Er plädiert vor allem für einen sicheren Zugang zu der Technologie. Das umfasst sowohl eigene Innovation als auch die bereits erwähnten Rechenzentren.

