Wenn jemand erzählt, dass er oder sie „geghostet“ wurde, dann meint die Person, dass jemand plötzlich und ohne Erklärung den Kontakt komplett abgebrochen hat. Das Vorgehen ist vor allem aus dem Dating bekannt, kann aber auch in jedweder anderen Kommunikation zum Einsatz kommen. Für die Betroffenen von „Ghosting“ ist oft vor allem das fehlende Angeben eines Grundes nur schwer auszuhalten. Es gibt einen ähnlichen Trend, den deutlich weniger Menschen als solchen erkennen – obwohl enorm viele davon betroffen sind.
Dabei geht es um das sogenannte „Paperclipping“ („paper clip“ bedeutet übersetzt „Büroklammer“). Vermutlich erinnern sich noch einige an Clippy (auf Deutsch Karl Klammer), die übergroße Büroklammer mit den zwei Augen. Clippy tauchte wiederholt als animierter Office-Assistant der Firma Microsoft auf, um oft nervige und offensichtliche Fragen zu Software des Unternehmens zu stellen. Die Figur war nicht besonders beliebt, erreichte allerdings auch deshalb einen gewissen Kultstatus. Dieser inspirierte zum Namen „Paperclipping“ für einen gemeinen Dating-Trend, unter dem viele Betroffene leiden.

Was steckt hinter dem Dating-Trend und wie funktioniert er?
Wer regelmäßig datet, kennt die Situation vielleicht, wenn plötzlich eine Nachricht von einer Person aufploppt, mit der man eigentlich nichts mehr zu tun hatte – zum Beispiel, weil sich die Person einfach nicht mehr gemeldet hat. Und plötzlich kommt dann doch wieder eine Nachricht. Diese lautet häufig „Wie gehts?“ oder „Hey, was geht?“, also eine völlig unverbindliche Anfrage, um ein neues Gespräch zu beginnen. Dieses Gespräch verläuft dann allerdings im Sande, bis sich die Person wieder einfach nicht meldet – genau das ist „Paperclipping“.
Das Bild der nervigen riesigen Büroklammer, die lästige Fragen stellt und dann wieder verschwindet, passt also tatsächlich recht gut zu dem Vorgehen. Und auch symbolisch passt die Büroklammer als solche gut. Sie heftet Papier kurzfristig zusammen, allerdings nicht dauerhaft und ohne deutliche Spuren zu hinterlassen.
Der Person, die das „Paperclipping“ ausführt, geht es oft um ein gewisses Maß an Kontrolle. Die kurzen Nachrichten dienen dazu, mit minimalem Aufwand den Kontakt zu halten. Betroffene sollen so oft auch bei der Stange gehalten werden, damit sie die andere Person nicht vergessen. Gerade beim Dating dienen die Nachrichten aber auch einem einfachen Test, wie jemand auf eine Nachricht reagiert und ob sich eine Kontaktaufnahme vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt noch lohnen könnte. Für Betroffene kann sich das teilweise noch schlimmer anfühlen als „Ghosting“, weil sie sich dadurch immer wieder mit der Person und der Situation konfrontiert sehen.

Wie man sich gegen „Paperclipping“ wehren kann
Dem Psychologen Dr. Bruce Y. Lee zufolge muss natürlich nicht jede kurze Textnachricht direkt ein Warnsignal sein. Allerdings sollten die Alarmglocken schrillen, wenn daraus ein Muster wird und eine Person immer wieder so agiert – dann spricht man eben auch von „Paperclipping“. Dem Experten zufolge sollte man dann auf Details achten. Wie häufig meldet sich die Person tatsächlich? Entwickelt sich aus den Nachrichten auch ein echtes Gespräch, ein Telefonat, ein Treffen? Oder bleibt es immer nur beim Austausch von kurzen Texten, bevor wieder Funkstille herrscht?
Wenn es sich tatsächlich um „Paperclipping“ handelt, nennt Dr. Lee nur zwei konsequente Möglichkeiten: Man geht weiter auf die Nachrichten ein oder man ignoriert sie komplett, vielleicht sogar, indem man die andere Person blockiert. Im ersten Fall sollte man sich allerdings der Kommunikationsmuster dahinter bewusst sein und gegebenenfalls seine Erwartungshaltung anpassen, um Enttäuschung zu vermeiden. Im zweiten Fall wird die andere Person sich entweder um echten Austausch bemühen oder – was wahrscheinlicher ist – irgendwann das Interesse verlieren.
